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Sandra Rendgen
moderngothic

Ein zentrales Motiv in der Arbeit von Rebecca Wilton ist das Herausarbeiten historischer Überlagerungen in städtischer wie in ländlicher Umgebung, die sich in Gebäuden, öffentlichen Plätzen oder in der Natur niederschlagen. Ihr Arbeitsprozess gleicht dabei einer archäologischen Untersuchung, in der sie die kulturellen Einschreibungen eines Ortes aufspürt und mit fotografischen Mitteln sichtbar macht. In einer sorgfältig gewählten Bildsprache legt sie die Zeitschichten frei, die ein jeder Ort erkennen lässt. Darin wird ein weiterer Aspekt RebeccaWiltons Arbeit deutlich: die Differenz zwischen dem Gesehenen und Gewussten sowie deren Überlagerung im fotografischen Bild. Wo überschneiden sich Darstellung und Dargestelltes, wo driften sie voneinander weg? Wiltons forschendes Interesse richtet sich auf das spannungsreiche Gefüge von Wissen und Erfahrung, von Zeigen und Sehen, das im fotografischen Bild entsteht. Damit zielt sie auf den Kern fotografischer Repräsentation: Formen der Sichtbarmachung werden bezweifelt, Festschreibungen von Bedeutung unterhöhlt.

Wiltons neue Serie »moderngothic« beschäftigt sich mit früher Hochhausarchitektur. Ausgangspunkt ist das Entrée des Deutschlandhauses in Berlin, in dem sich die ursprüngliche Architektur mit den Zeichen späterer Nutzungen zu einem Netz historischer Referenzen verbindet. Der Baukörper aus den 1920er Jahren wird überlagert von Spuren der Renovierung aus den 1960er Jahren. Die langjährige Nutzung des
Hauses durch den Bund der Vertriebenen etwa schlägt sich in einem Wandbild nieder, das die Stadt Breslau in einem ebenfalls vergangenen Zustand zeigt.

Aus den hier vorgefundenen Spuren entwickelt Wilton eine Assoziationskette, die sie zu weiteren Beispielen frühmoderner Hochhausarchitektur führt. Sie taucht in die konservierte Vergangenheit des Wandbildes ein und porträtiert das auf dem Bild dargestellte und noch heute in Wroc?aw am Rathausplatz existierende Sparkassengebäude. Wie in einem Reigen führen sie die Details dieser Architektur zu weiteren frühen Hochhäusern in Düsseldorf, Hamburg oder Köln.

Die sorgfältig inszenierten Gebäudeansichten werden kontrastiert mit vergleichenden Detailaufnahmen und Nebenschauplätzen. Mit den Mitteln der Wiederholung sowie durch feinsinnig gelenkte Verschiebungen in den Detailansichten thematisiert Wilton die Fotografie als eine Technik des Sehens und Zeigens, anhand derer sich die unauflösbaren Konfliktlinien des Fotografischen stetig ablesen lassen:
Der Status der Bilder bleibt veränderbar. (2013)


Thilo Scheffler
Spuren der Erinnerung

Von einer augenscheinlich vergangenen Zeit, spürbar nah und zugleich unwiederbringlich, erzählen die Arbeiten Rebecca Wiltons. Ihre meist großformatigen Fotografien öffentlicher und halböffentlicher Räume zeigen vor allem Orte kulturellen oder sozialen Lebens. Die Interieurs wirken meist verlassen oder sind ihrer einstmaligen Funktion offensichtlich beraubt. Ihre verloren gegangene Bedeutung lässt sich jedoch anhand einzelner Spuren noch erahnen. Die mit jenem Bedeutungsverlust einhergehende Morbidität der Orte verleiht den Bildern eine ambivalente Aura zwischen Stille und Attraktion.

Die Arbeiten Rebecca Wiltons sind geprägt von kompositorischer Ordnung und Ausgewogenheit. Aus der Struktur des jeweils abgebildeten Raumes ergibt sich eine konsequente Form der Bildordnung. Auch die Harmonie der Farben folgt einem genauen kompositorischen Plan und unterstreicht den morbiden Charme des Verfalls. In ihrer gesamten Erscheinung passt sich die in allen Bildern auftretende Frauenfigur dem jeweiligen Ort an, ohne ihn zu dominieren. Die Räume verwandeln sich somit zur Bühne einer offenen Geschichte, ohne dabei auf das Dasein einer reinen Kuliss reduziert zu werden.

So ist beispielsweise in der Arbeit Sprungturm besagte Frau auf der höchsten Plattform eines Sprungturms zu sehen. In Badekappe und Badeanzug steht sie bereit, den Moment des Absprungs scheinbar schon vor Augen. Doch der nun gewöhnlich folgende Schritt wird nicht geschehen, denn
das darunter liegende Becken ist fast leer. Eine Vielzahl von Algen hat sich des verbliebenen Wassers bemächtigt und es in einen grünen Tümpel verwandelt, an dessen Oberfläche einzelne Teile der umliegenden Tribünen schwimmen. Deutliche Spuren des Verfalls prägen die gesamte Szenerie. Die aus dem Hintergrund nahenden Bagger erscheinen somit als die unaufhaltsamen Boten des letztlich drohenden Abriss. Wozu steht die Frau auf der Plattform also bereit?

Der Verwaisung kulturell ehemals bedeutsamer Orte, die somit nur noch als Träger von Erinnerung dienen, folgt häufig auch das Verschwinden ihrer materiellen Existenz. Derartige Auswirkungen des in den vergangenen Jahren viel diskutierten Phänomens der shrinking cities sind in vielen ostdeutschen Städten, besonders auch in Leipzig spürbar. Oftmals birgt das Verschwinden von Erinnerungsträgern die Gefahr eines Verlusts eben jener Erinnerung in sich. Die immer wieder auftretende Frauenfigur,bei der es sich um die Fotografin selbst handelt, scheint sich mit der Inszenierung einer dem Ort entsprechenden Situation dem drohenden Verlust entziehen zu wollen. Mit dieser stillen Form der Polarisierung schafft die Künstlerin äußerst irritierende Momente der Konfrontation verloren gehender Erinnerung mit den Orten ihres einstmaligen Ursprungs.

Durch die direkte Einbeziehung ihrer eigenen Person in eine an Absurdität grenzende Szenerie erlangen die Bilder Rebecca Wiltons eine eigentümliche Faszination. Nicht frei von Ironie distanziert sie sich damit einerseits vom objektiv anmutenden Charakter der künstlerischen Dokumentarfotografie der vergangenen Jahre, deren kühl-sachliches Erscheinungsbild von Darstellungen meist menschenleerer
Orte geprägt ist.

Darüber hinaus hinterfragt sie mit dieser duplizierten Form der Zeugenschaft die mit dem Medium der Fotografie verbundene Beweisfunktion. Der viel zitierte Satz des Es ist so gewesen erlangt somit auf einer Ebene zwischen Vergangenheit und Realität eine andere Bedeutung. Die Situation der abgebildeten Frau stellvertretend für die eigene Erinnerung: deutlich zu sehen und gleichzeitig vom endgültigen Verlust.
(2005)


Michael Wehren
Who Can Narrate Without Translating?
Rebecca Wilton – Memory / Out of Place

Seit 2001 hat Rebecca Wilton in ihren Bildern die neuen zentralen Peripherien untersucht, Objekte einer historischen Ent-Ortung von Produktion, Konsum, Existenz und Geschichte. Die Vergangenheit, das
soziale Leben, welches diese Orte ausmachte, all dies ist verschwunden. Auf dem Abstellgleis der Geschichte sind sie der Sphäre der Zwecke, den Prozessen der Arbeit und Kommunikation bis auf weiteres entzogen, d. h. Brachland. Der Künstlerin sind diese Räume genauso fremd wie den meisten Zuschauern. Gleichzeitig mit ihrer Ent-Ortung wurden diese Plätze ent-fremdet und so gehören sie nicht mehr wirklich in eine, zum Beispiel ihre oder unsere Geschichte. Die Fotografien sprechen dies in ihrem klaren, objektivierenden Gestus unzweideutig aus. Im gleichen Moment bringen sie jedoch die große Erledigungsmaschine, das Herrschaftsphantasma der Objektivität aus dem Gleichgewicht.

Auf allen Bildern begegnet unserem Blick eine junge Frau. Die Fotografin selbst schreibt sich deutlich sichtbar, manchmal an zentraler, immer jedoch an exponierter Stelle, deutlich wahrnehmbar in den
Bildraum ein. Das Tragen stereotyp mit der ehemaligen Funktion des Ortes verbundener Kleidungsstücke lässt dabei deutlich die Selbsteinschreibung als mimetischen Akt, besser: einen Akt der Mimikry im Zentrum des Bildraumes hervortreten. Während sie sich den Raum der Vergangenheit mimetisch aneignet, verliert sie ihre Identität, verliert sie sich beinahe im evozierten Bild der Vergangenheit, beredt sprechend von der doppelten Gewalt der Aneignung. Es ist als würde der Vergangenheit ein Körper zur Verfügung gestellt: die Fotografin, die Fotografie als Medium im doppelten, durchaus esoterischen Sinne des Wortes. Und dennoch: Dass die Besessenheit nicht eintritt, aufgeschoben bleibt, ist zugleich Grund tiefster Beunruhigung wie auch Chance auf »ein Hervortreten, das ›Wiederkehr‹ in Neueinschreibung oder Neubeschreibung verwandelt« [1]. Rebecca Wiltons Arbeiten artikulieren einen Widerstand gegen die Totalherrschaft der Gegenwart, die Notwendigkeit einer Annäherung, eines Umganges mit der Vergangenheit, während sie gleichzeitig die Unmöglichkeit ihrer Aneignung, d. h. ein sich entziehendes Irreduzibles, einen Riss, erfahrbar machen.

»Fustel des Coulanges empfiehlt dem Historiker, wollte er eine Epoche nacherleben, so solle er alles, was er vom späteren Verlauf der Geschichte wisse, sich aus dem Kopf schlagen. Besser ist das Verfahren nicht zu kennzeichnen, mit dem der historische Materialismus gebrochen hat. Es ist ein Verfahren der Einfühlung. [Die Frage stellt sich], […] in wen sich denn der Geschichtsschreiber des Historismus eigentlich einfühlt. Die Antwort lautet unweigerlich: in den Sieger.« [2] Rebecca Wiltons Bilder setzen sich und uns dem Begehren nach Einfühlung aus, lassen es zu, stören und beunruhigen es jedoch zugleich.
Das historistische Begehren und sein Gegenpart: das Begehren der Geschichte ist im Zentrum des Bildes exponiert, stößt uns in aller Ambivalenz zu, beginnen wir die Geste der Aneignung, eine Geste der Ausstreichung im Moment der Präsentation, auf ihren Bildern zu lesen. Die Darstellung des mimetischen Aktes, des geheimen Begehrens der Fotografie, wird als diejenige verstellende Vorstellung erfahrbar, welche den Prozess der Aneignung zu einem doppelten Prozess der Entfremdung machen muss.

Fast unbemerkt schleichen sich dabei zwei Bilder aus dem Jahr 2003 ein: Bücherei und Saal. Diese zeigen keine verfallenen Ruinen des 20. Jahrhunderts, sondern stark frequentierte, genutzte und benutzte Räume. So wie die Vergangenheit dem Zugriff entzogen wird, wird hier die Gegenwart gespenstisch aus dem Lot gebracht. Nicht zufällig handelt es sich bei beiden Orten um Orte kultureller Erinnerung, offizieller
Kultur, der Akkumulation, der Kontinuität, der Autorität. »Und das Zeichen der Übersetzung erzählt, oder ›kündet‹, beständig die verschiedenen Zeiten und Räume zwischen der kulturellen Autorität und ihren performativen Praktiken. […] [Es wirkt, indem es] in den Worten de Mans ›das Original in Bewegung versetzt, um es zu entkanonisieren, ihm die Bewegung der Fragmentierung, ein irrlichterndes
Wandern, eine Art permanenten Exils zu verleihen‹.« [3] Die mimetische Einschreibung der Zeugin erweist sich als Experiment eines Übersetzens ohne Original, sie exponiert das Begehren nach Kontinuität und gemeinsamer Geschichte. Die Ausstellungen Rebecca Wiltons verrücken im Moment der Antwort, der Zeugenschaft, die fotografierten Räume und das Zeugnis selbst. So zeichnen sie eine Spur der Unverfügbarkeit, einer Fremdheit. In diesem Sinne sind die Fotografien gestisch: im Ausweis ihrer medialen Struktur artikulieren sie einen Entzug, eine Irritation, ein immer schon Fehlendes. Das Sichnicht-Zurechtfinden in der Vergangenheit, der Gegenwart und ihren Bildern, weist auf Aisthesis als Lücke, als Riss, als Exterritorialisierung – aisthesis / memory out of place. Rebecca Wiltons Arbeiten verrücken das Hier und Jetzt des Begehrens, die gewaltsame Logik der Aneignung und Objektivierung, in der mimetischen Exponierung des libidinöslethalen Mediums.

[1] Homi K. Bhabha: Wie das Neue in die Welt kommt: Postmoderner Raum,
postkoloniale Zeiten und die Prozesse kultureller Übersetzung, in: ders.:
Die Verortung der Kultur, Stauffenberg Verlag, Tübingen 2000, S. 339.
[2] Walter Benjamin : Über den Begriff der Geschichte, in: ders.: Illuminationen, S. 253f.
[3] Homi K. Bhabha: Die Verortung der Kultur, S. 341.

aus: Mind The Map! History Is Not Given,
Revolver-Verlag 2006, Frankfurt a. M., 75 f., Originaltext in englischer Sprache.